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Gedanken zu Engineering, Mathematik und dem Weg zum technologischen Vorsprung. Ein Logbuch über Projekte und Erkenntnisse.
Redefreiheit als Entschädigung
Über ein Zitat von Søren Kierkegaard und was es heute bedeutet
Søren Kierkegaard schrieb einmal: „Die Leute fordern Redefreiheit als Entschädigung für die Freiheit des Denkens, die sie selten nutzen." Dieser Satz ist über 150 Jahre alt – und doch trifft er heute mit einer fast unangenehmen Präzision. Wir leben in einer Zeit, in der jeder eine Meinung hat und jeder sie laut äußert. Twitter, Instagram, Kommentarspalten – überall brodelt der Diskurs. Die Redefreiheit wird verteidigt, gefordert, beschworen. Sie gilt als höchstes Gut der offenen Gesellschaft. Aber Kierkegaard fragt uns etwas Unbequemes: Wozu nützt das Recht zu sprechen, wenn man sich das Recht zu denken nicht nimmt? Denken – wirklich denken – ist anstrengend. Es bedeutet, die eigene Meinung infrage zu stellen. Quellen zu lesen, die der eigenen Weltsicht widersprechen. Unsicherheit auszuhalten, ohne sie sofort mit einer Überzeugung zu füllen. Es bedeutet Stille, Langsamkeit, Zweifel. Reden hingegen ist leicht. Besonders dann, wenn man nicht selbst gedacht, sondern nur wiederholt hat. Kierkegaard hat das Muster unserer Zeit vorweggenommen: eine Gesellschaft, die sich leidenschaftlich für das Recht zu sprechen einsetzt – und dabei verlernt, sich das Recht zu denken zu nehmen. Vielleicht ist die eigentliche Freiheit nicht die, laut zu sein. Sondern die, still genug zu sein, um zuerst zu denken.
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